Geschichte besteht aus Geschichten

            Paul Scheerbart      1863  -   1915

Paul Karl Wilhelm Scheerbart (auch: Kuno Küfer ) war 
Zeichner und Schriftsteller.


Er widmete sich sehr der Utopie, welche eigentlich gar keine ist.

In seinen Werken spiegeln sich reale Dinge auf der Welt, welche
er gekonnt
in andere Formen verschlüsselte.

Wer wissbegierig ist, wird in seinen Werken so Manches "erkennen"!


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Das Karussell

                                    Babylonische Geschichte



Markttag war in Babylon.

Aus dem Innern Arabiens kamen viele Beduinen an mit prächtigen Pferden, die sie in Babylon verkaufen wollten.

Und Bauern aus der Umgegend wollten Stiere und Kühe verkaufen, andere hatten Schafe und Ziegen auf den Markt gebracht. Und Händler standen mit Ballen farbiger Tuchstoffe da. Andere handelten mit Alabaster, Achat und Lapislazuli. In einem Zelt aus roten Tüchern führte ein Schlangenbändiger seine zahmen Schlangen vor. Andere farbige Zelte standen daneben. Und viel Gemüse gab's und viele kostbare Hölzer, Miskanholz, Tapranholz und Pistazienholz, auch viel Fichtenholz.

Und die vielen Früchte des Orients machten das ganze Marktbild bunt.

Der König Kurigalzu (regierte um 1400 vor Christo) fuhr auf einem Streitwagen durch die Menge. Reiter mit langen Bronzespießen ritten vor und hinter dem Wagen. Des Königs Eunuchen folgten zu Fuß. Pferde wollte der König kaufen.

In der Mitte des Marktes war ein runder Raum durch grüne Tücher abgesperrt. Was hinter den Tüchern vor sich ging, konnten die Marktleute nicht sehen, denn die Tücher ragten sehr hoch in den dunkelblauen Himmel empor. Die Sonne war eben erst aufgegangen.

Hinter den grünen Tüchern arbeiteten zwanzig Tempelsklaven an einem seltsamen Gestell, das ganz rund war und auf zwölf Rädern stand. Die Räder befanden sich in einem großen Kreise, das Gestell konnte sich um sich selber drehen —  um einen Mittelpunkt; es war ein Karussell.

Wunderliche Figuren standen daneben —  aus bemalter Pappe. Es waren zwei Widder, zwei große Fische, ein großer Krebs, ein Löwe, eine weibliche Figur, ein Steinbock, ein Stier, ein Skorpion und mehrere männliche Figuren.

In zwölf Abteilungen war das Karussell eingeteilt. Und in jede Abteilung wurden nun die Figuren hineingestellt und befestigt. Dann wurden die Wände dieser Abteilungen mit rotem Tuch ausgeschlagen, und auch viel schwarzes Tuch brachte man an zur Verzierung. Und an dem schwarzen Tuch hingen kleine silberne Glocken. Die klangen sehr hell durcheinander, als die Tücher befestigt wurden.

Mit einem großen gelben Tuch wurde das Ganze gedeckt. Das ragte spitz in die Höhe. Auf der Spitze stak ein siebenzackiger goldener Stern.

Viele Priester vom Marduktempel Esaggil standen ringsum und sprachen über das Karussell. In dessen Mitte stand auch ein starker Schimmel, der das Ganze drehen sollte.

Und Saruto, der Oberpriester vom Esaggil, sprach zu dem greisen Priester Salmusin:

»Wir haben uns zur Anfertigung der Figuren viel ägyptische Pappe aus Theben schicken lassen. Und die Pappe ist gut bemalt. Die Figuren zeigen jetzt alle Farben des Regenbogens. Es ist auch viel Schrift darauf. Mit roter und schwarzer ägyptischer Tinte ist der Text aufgezeichnet. Es ist unsere älteste Keilschrift nachgebildet. Die Tierkreisbilder stellen die Figuren vor. Wir wollen das dem Volke zeigen, damit es eine Ahnung bekommt von der Bedeutung des Himmels, in dem alles, was auf Erden geschieht, vorgezeichnet ist.1)

Das Volk soll auch eine Ahnung bekommen von den großen Tierkreisbildern, die dort oben ebenso in ihren Häusern stehen wie hier unten auf dem Markt zu Babylon.«

»Ja«, versetzte der greise Salmusin, »ich sehe, daß sich hier ein Unglück vorbereitet. Die großen Götter des Himmels werden nicht erbaut davon sein, daß sie jetzt auf dem Markte zu Babylon ausgestellt werden. Die Götter gehören in die Tempel, aber nicht auf den Markt! Ich verlasse dich noch heute. Mögest du dein Schicksal kennenlernen! Warum habt ihr mich nicht früher gefragt? Ich hätte euch gleich ganz offen meine Meinung gesagt. Ich gehe wieder nach Echulchul zurück —  zum großen Mondtempel in Charran. Dort wird man hoffentlich noch nichts wissen von diesem Marktgottesdienst. Ich verfluche ihn!«

Salmusin hob die Faust drohend zum Himmel. Und seine schwarzen Augen blitzten den Oberpriester furchtbar an. Der war so erstaunt, daß er gar nichts zu sagen wußte. Dieser Angriff und dieser Fluch kam ihm ganz unerwartet. Er sah, wie der alte Mann mit dem sorgsam gekräuselten Haupt—  und Barthaar, das schneeweiß vor den farbigen Tüchern leuchtete, langsam, auf einen langen Stab gestützt, in gekrümmter Haltung durch die Menge der Priester und Sklaven dahinschritt und hinter dem grünen Tuche, das die Priester den Blicken der Marktleute entzog, verschwand.

Die Worte des greisen Priesters hatte Sarutos Haarkräusler, der Tempelsklave Balu, gehört. Und der Sklave hatte sich jedes Wort gemerkt. Und er zitterte jetzt; er sah scheu die bunt bemalten Tierkreisbilder an —  den Mann mit der Waage in der Hand, die Zwillinge und die Jungfrau.

»Balu!« sagte der Oberpriester.

Doch Balu hörte nicht, daß er gerufen wurde.

»Balu!« rief der Oberpriester laut und heftig.

Jetzt hörte Balu und fiel auf die Knie nieder und legte die Hand ans Ohr.

Der Oberpriester Saruto sagte:

»Ich will jetzt in den Tempel zurück. Bleibe du hier und sorge dafür, daß die Lampen alle vorsichtig angebracht werden. Des Abends, wenn die Sonne untergegangen ist, komme ich wieder. Der König Kurigalzu wird dann auch zugegen sein. Laß die Sklaven mit meiner Sänfte kommen.«

Die Sklaven kamen. Und Saruto wurde zum Esaggil getragen. Er blickte finster geradeaus. »Der alte Narr«, flüsterte er plötzlich, »versteht nicht, daß das Volk auch etwas vom Leben der großen Götter verstehen möchte. Der Kreislauf alles Geschehenden wird dem Volke jetzt wohl verständlich werden durch das, was ich geschaffen habe.«

Währenddem erzählte der schwatzhafte Haarkräusler Balu den Tempelsklaven alles, was der greise Salmusin gesprochen hatte. Und die ergriff alle große Furcht. Und sie erzählten alles weiter, so daß bald alle Priester, die in der Nähe des Karussells waren, wußten, was Salmusin gesprochen hatte.

Dann kam der Abend.

Und die grünen Vorhänge verschwanden. Und in den Häusern der Tierkreisbilder leuchteten unzählige kleine Lampen.

Aber alles war ganz still. Alles hatte Furcht.

Da wurden die Sterne des Himmels sichtbar. Und die großen Tierkreisbilder leuchteten auch am Himmel.

Der Schimmel setzte das Karussell in Bewegung. Die silbernen Glocken klangen unheimlich durch die kühle Nachtluft. Die Beduinen sahen mit großen Augen das sich langsam drehende Schauspiel an.

Der König Kurigalzu kam auch herbei auf seinem Streitwagen. Sechzig Pferde hatte der König des Morgens gekauft. Auf denen saßen jetzt die Offiziere der königlichen Leibwache. Diese sechzig Offiziere umgaben den Streitwagen des Königs. Der Oberpriester Saruto mußte dem König alles erklären.

Zum Schlusse sagte Saruto:

»Alle fünf Planeten, Sonne und Mond —  die großen Götter des Himmels —  sind dort oben im Himmel immer in dem einen oder dem anderen Hause der zwölf Tierkreisbilder. Und so auch hier. Wir haben die sieben äußerlich durch besondere Lampen gekennzeichnet —  durch Lampen aus Lapislazuli, das mit Gold geschmückt ist.«

Der König nickte freundlich und fuhr dann, umgeben von seinen sechzig Offizieren, sieben Mal um das Karussell herum und begab sich dann wieder nach Babylon in sein großes Schloß.

Saruto ließ sich wieder zum Esaggil tragen, von wo er den ganzen Marktplatz überschauen konnte; er saß noch lange auf der Dachterrasse des Tempels und blickte zum Karussell hinüber —  als alle Lampen längst verlöscht waren.

Saruto schlief ein.

Und im Traum hörte er das leise Klingeln der silbernen Karussellglocken. Ihn fröstelte, und er machte die Augen auf. Da sah er auf dem Markt einen hellen Feuerschein. Und die Flammen schlugen im Kreise nach allen Seiten.

Das Karussell brannte.

»Balu!« schrie der Oberpriester.

Balu kam und sah das Feuer.

»Der Schimmel dreht das Karussell!« schrie der Haarkräusler. Und dann stürmten alle zum Markt mit Eimern und Kannen und gossen viel Wasser in das Karussell, das man allmählich zum Stillstehen brachte.

Der Schimmel war gerettet, da durch sein Rundherumlaufen die Flammen immerfort zur Seite geworfen wurden.

Die Figuren aus Pappe waren sämtlich zu Asche verbrannt. Das Gestell mit den Rädern war ganz verkohlt. Von den Tüchern sah man nichts mehr.

Der greise Salmusin verließ gegen Morgen die Stadt und fuhr in einem Ruderboot nach dem fernen Charran zum Mondtempel Echulchul.

Der alte Priester sagte:

»Hab' ich's nicht gleich gesagt, daß ein Unglück entstehen wird? Ein Glück nur, daß der Schimmel nicht verbrannte.«

Wer das Feuer angelegt hatte, wußte niemand. Saruto war sehr traurig, bestellte aber in Theben sofort neue Pappe. Und ein Jahr später drehte sich ein neues Karussell auf dem Marktplatz zu Babylon. Das aber wurde des Nachts so sorgfältig bewacht, daß es noch nach zehn Jahren da war, als König Kurigalzu nicht mehr lebte und sein Sohn Burraburiasch regierte.

 

1)
Die gesamten religiösen Anschauungen der Babylonier sind auf astrale Dinge zurückzuführen. Man vergleiche »Die babylonische Geisteskultur« von Hugo Winckler (Prof. an der Berliner Universität). Das Wichtigste ist immer wieder der Tierkreis. Daher die Einteilung des Jahres in zwölf Monate —  des Tages in zwölf Doppelstunden, so daß jedes Ziffernblatt unserer Uhren ebenso auf den Tierkreis der Babylonier zurückzuführen ist, wie viele andere Dinge. Die heiligen Zahlen 5 und 7 sind in der 12 auch eingeschlossen (Seni im »Wallenstein«). Daher die Bedeutung des Pentagramms und Heptagramms, die beide auf alten Keilschrifttontafeln zu finden sind. Da die Babylonier vom Himmel nur die Bewegung von 5 Planeten und von Sonne und Mond bemerken konnten, geht auch sehr vieles auf diese 5 und 7 zurück. Marduk ist der Planet Jupiter. Da nun die ältesten religiösen Anschauungen immer wieder feststellten, daß die Erde ein Spiegelbild des Himmels sei, so versuchte man ganz naturgemäß, das Geschick der Menschen in den Sternen zu lesen, den König als Vertreter des Gottes Marduk göttlich zu verehren, das »Vaterland« als Abbild des Himmels zu schätzen usw. Die Astrologie ist demnach ganz anders einzuschätzen, als es bisher geschehen ist. D. Verf.


Quelle:    Hier

                                        Paul Scheerbart

                         Was ist ein Original?

 

Was ist ein Original?
Ein Ei ohne Schal'. –
Zum Fressen für die Helläugigen ...
Wie lebt ein Original?
In Angst und Qual. –
Schließlich, schließlich wird's nur
Gefressen von den Helläugigen ...
Wer sieht dann das Original?
Was weiß ich?
Fürchterlich – fürchterlich –
Ein Ei ohne Schal'.
Ich weiß – ich weiß:
Nur eine Rettung gibt's –
Kocht hart, kocht hart
Das Ei ohne Schal'!
Laß dich vom rauhen Leben
Hart kneten, du Original!
Dann liegst du den Helläugigen
Recht schwer im Magen –
Sie können dich dann nicht vertragen.



Quelle:       Hier

Homepage zu Scheerbart:      www.scheerbart.de

                           Indianerlied u. andere:


Murx den Europäer!
          Murx ihn!

Murx ihn! Murx ihn!
          Murx ihn ab!


Weiter:


Quelle:    www.gutenberg.de    


Katerpoesie


von
Paul Scheerbart


Inhaltsverzeichnis:

²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²²

Morgentöne



Hopp! Hopp! Hopp!



Ich hab ein Auge



Delirium! Delirium! Ein Dékadencebild


Die große Sehnsucht



Rixráx, der Sonnenbruder



Vernünftige Devise



Dicker roter Mond



Frage



Die Welt ist laut



Grausamkeit



Indianerlied



Sei sanft und höhnisch! Charakter-Cyklus


Ruhmeslied



Wanderlied



Fliegenlied



Donnerkarl, der Schreckliche. Ein Heldengedicht


Gemeinplatz



Ein Säufertraum



Abschiedslied



Ermitage



Notturno



Das gute Schaf. Ein erschöpfendes Gedicht


Säulenlied



Schlußweisheit



Moderner Gassenhauer



Groglied



Hobelphantasie



Abendtöne



Die großen Flammen



Eine Lichthetäre



Alter Spaß



Hafentraum



Ingrimm



Der lachende Engel



Die Zappelpappeljöhre



Die alte Laube



Ach ja!



Singende Schlangen



Der Frack-Komet






Frage

Meine ganze Welt ist kantig,

Und die Bäume sind verrückt.

Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,

Warum gehst du so gebückt?






Die Welt ist laut...
Die Welt ist laut,

Und ich bin still!

Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,

So wie ich will!

Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,

Ich möcht so viel!

Doch bring ich's nicht zusammen.






Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron

Und sagte: »Lieber guter Sohn,

Hast du das Gift genossen?

Genieß es schleunigst unverdrossen!«






Indianerlied

Murx den Europäer!

          Murx ihn!

Murx ihn! Murx ihn!

          Murx ihn ab!






Sei sanft und höhnisch!
Charakter-Cyklus
Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

*

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

*

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

*

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

*

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

*

Ich hab die ganze Nacht gelacht --
      Natürlich -- nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht --
      Natürlich -- noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
      Was soll ich also machen?
                Weiterwachen?

*

Sei klein -- dann ist die Welt so groß!
Sei schwach -- dann ist die Welt so stark!
Sei dumm -- dann ist die Welt so klug!
Sei stumm -- dann ist die Welt so laut!
Sei arm -- dann ist die Welt so reich!

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei
!

Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!
    Mensch, sei frei!

*

                    Freche Fratze,
                    Deine Glatze
                    Ist nicht alt,
                    Auch nicht jung,
                    Bloß voll Dung,
                    Hast du bald
                    Dung genung?

*

Die Eitelkeit, die Eitelkeit --
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten --
Da steckt sie unter allen Häuten.

*

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

*

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst --
Gräßlich ist der ganze Dunst.

*

Doch die stillen Flaggenstöcke --
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

*

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde rein.
Wir aber gingen immer schief --
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

*

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

*

          Du kindische Kröte,
          Dich quetsch ich zu Brei.
          Ich mag doch nicht hören
          Die Mopslitanei,
          Die sich lustig macht
          Über den, der lacht.

*

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus --
Natürlich -- nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

*

    Was denkt sich denn der junge Fant?
    Ich liebte nie mein Vaterland.
    Das tun ja schon so viel Soldaten!
    So selbstgefällig bin ich nicht!

*

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf -- sie ist gesund --
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

*

Rosenstielchen, Blätterkuß!
Meine Welt ist voll Verdruß!

*

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
    Seid ihr echte Untermenschen?
    Wollt ihr nicht den kummervollen
    Rausch der Ewigkeit umhalsen?
    Wollt ihr nicht den götterhaften
    Allempfindungsdünkel kosten?
    Aber nein: ihr seid gescheidter;
    Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
    Denn der liebe Sandmann kam.

*

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

*

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

*

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

*

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!
                Schluß!!






Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!

Dieses sag ich dir im Traum!

Trägst du eine Narrenkappe,

Trag sie unterm Lorbeerbaum!






Wanderlied

    Wie weit der Weg!

Im tiefen Tale glänzt

Der Tau der letzten Sommernacht.

    Wie weit der Weg!

Im hohen Weltall glüht

Der großen Sonnen Glück so heiß.

    Wie weit der Weg!

In tollen Köpfen kreist

Die Schöpferkraft des ganzen Alls.

    O still! Zum Ziel!

    Es wird zu viel!






Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!

Fliege, fliege in die Wiege!

          Siege! Siege!






Donnerkarl, der Schreckliche
Ein Heldengedicht
Reich mir meine Platzpatronen,

Denn mich packt die Raserei!

Keinen Menschen will ich schonen,

Alles schlag ich jetzt entzwei.

Hunderttausend Köpfe reiß ich

Heute noch von ihrem Rumpf!

Hei! Das wilde Morden preis ich,

Denn das ist der letzte Trumpf!

          Welt, verschrumpf!






Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,

Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.






Morgentöne

Guten Morgen! schreit das Menschentier;

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;

Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;

Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;

Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;

Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;

Guten Morgen! schreit das Menschentier.






Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken

Und sah ein altes Kamel,

Das war zu Boden gesunken --

Es lachte -- bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie

Neben dem lachenden Vieh.

Der Himmel lachte über mir,

Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;

Ich ließ es trinken fast für Drei.

Dies war meine schönste Zecherei;

Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke -- bei meiner ewigen Seele! --

Nur noch mit einem alten Kamele.

Mit Menschen trinken ist der größte Kohl --

Kamele nur verstehn den Alkohol.






Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!

Mir warst du sehr egal.

Mir schmeckt die Lebenstraube,

Und dir ist alles Qual!

Tu immer, was du wolltest;

Ich stör' dich nicht dabei.

Ich weiß nicht, was du solltest;

Ich laß dich gerne frei.

Und wenn du wieder grolltest,

So wär's mir einerlei.

Schrei nur, mein Liebchen, schrei!






Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!

Ich bin allein -- und tue, was ich wollte.

Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,

Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.

Ich lächle nur und lächle immer wieder -- wieder!

Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!






Notturno

Ich liege ganz still.

Der Nachtwind rauscht leise vorbei.

Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.

Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was!

Das macht so traurig.

Ich möchte -- ich weiß nicht was!

Ich denke an ferne, ferne Zeiten . . .






Das gute Schaf Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;

Ich bin dir niemals böse.

Und er ist baff;

Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,

Erlöse ihn, erlöse

Auch mich von dem Getöse

Der auferstandnen Jugendzeit;

Sie steht vor mir im Leichenkleid.






Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule

Und schau ins weite Meer.

Ich höre dein Geheule

Und wundre mich nicht mehr.

Ich steh auf meiner Säule

Mir wird mein Herz nicht schwer.






Schlussweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,

Auf Erden niemals Ruhe findet.






Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;

Er haßt die Nebenmenschen bloß.

Er liebt nur seine Klause

Und bleibt daher zu Hause.

Die ganze Welt ist ihm Pomade.

Die Nebenmenschen sagen: schade!

Das aber rührt den Teufel nicht.

Hat er nur stets sein Leibgericht,

So ist ihm alles piepe --

Der Haß und auch die Liepe.






Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;

Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.

Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;

Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.

Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!






Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;

Der alte Brei der Welt ist dick.

Doch lange Wunderspäne

Umringeln all mein Mißgeschick.






Hopp! Hopp! Hopp!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!

Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?

          Über jene hohe Mauer?

          Ach, was kam dir in den Sinn?

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!

Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst - Du - hin?






Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?

Das willst du wissen?

Leg dich nur ruhig

Auf dein Ruhekissen;

Es wird zum Luftballon.

Mit dem gehst du davon.

Und deine Locken --

Die werden klingen;

Du sollst mit ihnen,

Da sie rot sind,

Die gelben Sterne umschlingen!

Ach ja, dein verfluchter,

Alter, dammlicher Luftballon

Wird dich weit bringen.

*

Durch die alte Türe,

Die so herrisch knarrt,

Kommt der Ofenmann

Mit vielen schwarzen Bechern,

Die so traurig sind wie schwarze Briefe.

Na -- was will denn der Ofenmann?

Will er den alten Zechern

Die letzten Tropfen schenken?

Der Ofenmann hat kurze Beinchen;

Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.

Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf --

Der geht natürlich ganz entzwei,

Denn der Ofen ist ja warm.

Und die schwarzen Becher fallen

Diesem alten Ofenmann

Aus den schwarzen alten Händen

Auf die stillen weißen Dielen.

Und der Wein macht die Dielen naß.

Das macht den Zechern Spaß.

Die Beinchen des Ofenmanns

Brechen entzwei.

Und der schwarze Ofen

Steht an der Wand -- wie einst.






 

Die großen Flammen

So nehm' ich denn die Finsternis

Und balle sie zusammen

Und werfe sie, so weit ich kann,

Bis in die großen Flammen,

Die ich noch nicht gesehen habe

Und die doch da sind -- irgendwo

Lichterloh . . .






Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,

Zuckte hin und her

Durch die Weltenpracht

In dem Äthermeere.

Quintillionen Wettersterne

Hab' ich prickelnd angeblickt.

Oh, ich war geschickt --

Eine Lichthetäre.






Alter Spaß

Ja -- meine Sonnenkälber

Sind mit Öl begossen,

Sind naß wie Badelaken

Und erweichte Schrippen.

Ich weiß mit diesen feuchten

Märchenweltschleimtieren

Nichts anzufangen -- nichts.

Solche alten Späße

Sind doch eigentlich abscheulich.






Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht

Still wie ein Stall geschlafen.

Ich hab in dieser ganzen Nacht

Geträumt von tausend Schafen.

*

Sie waren alle dick und rund,

Ich aber war nicht ganz gesund,

Ich kam allmählich auf den Hund;

Es war in einem Hafen.

*

In diesem Hafen trank ich viel

Mit großen Welt-Matrosen,

Die spielten Handharmonika

Und mit den tausend Schafen.






Ingrimm

Eine wilde Fratze

Muß ich schneiden,

Denn dies Leben

Macht mir keinen Spaß.

O, ich möchte nur

Ein altes Rabenaas

Mit verrückter Wollust

In zehntausend Stücke reißen,

Und dann möcht ich

Hübsche Mädchenköpfe

Balsamieren mit verfaultem Tran

Oder andrer ekler Flüssigkeit.

Und dann möcht ich

In den Himmel springen

Und die Sterne fressen

Und zuletzt:

Den ganzen Lebensunsinn

Ohne weiteres vergessen

Und als Ätherwolke

Traumlos weiterschweben.

Dieses, glaub ich, wird mir

Noch einmal gelingen.






Der lachende Engel

Wie war's doch nur?

Im Himmel schwebten

Große blanke Diskusscheiben --

Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.

Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.

Ein Engel lacht dazu

Und spritzt mit Vitriol.

Jawohl! Jawohl






Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral

Und mal so ganz egal.

Ich kenne den längsten Strahl

Und auch das Jammertal,

Wo ich beinah nicht hingehöre.

O du Zappelpappeljöhre!






Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.

Ich weiß nicht mehr

Woher ich komme.

Ich saß in einer Laube

Von großen grünen Smaragden;

Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.

Mehr aber weiß ich nicht.

Es war ganz hinten im Raume

Und fast wie in dem Traume,

Der uns der allerliebste ist.






Ach ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich's ganz genau!

Von Max und Moritz kam ich her!

Die lagen in einem Syrupmeer

Und waren blöde wie der große Stier.

Es kam ein Strahl durch das Revier

Und hüpfte mit uns Dreien.

Das sollte uns bald entzweien.

Nach jenem Trubel durft ich endlich

So selig ruhen auf dem Zuckersterne,

Der mir aus allen seinen Kratern

Ein glückliches Vergessen dampfte.






Ich hab ein Auge...

Ich hab ein Auge, das ist blau

Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal »Au! Au!«

Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;

Ich hab ein Heldenangesicht.






Singende Schlangen

Ich war schon wo,

Da ging es wüste zu;

Ich hatte weder Hemd noch Schuh,

Nur grüne Schlangen

In beiden Händen.

Ich konnte mich nicht drehen

Und nicht wenden.

Doch viele Beutelsterne

Drehten sich um meine Arme

Und sahen aus

Wie schlaffe Luftballons.

Die Schlangen aber sangen.






Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit

In einem Raume,

Der ganz voll Licht war;

Es leuchteten wohl sämtliche Atome.

Und da kam plötzlich

Eine schwarze Sonne an,

Die schwarze Strahlen

Durch das Lichtreich sandte.

Die schwarzen Strahlen waren kühl

Und kühlten auch meinen heißen Leib,

Der selbstverständlich nicht

Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.

Nun brach sich jenes schwarze Licht,

Das ganz besondre Qualitäten zeigte,

In meinem heißen Leibe so,

Daß ich einen --

Schwarzen Schweif bekam;

Und spalten tat sich dieser Schweif

Und sah beinah so aus

Wie jene langen Streifen,

Die sich an Menschenfräcken

Unter den Händen

Fleißiger Schneider bilden.

Ich ward in jener alten alten Zeit

Ein Frack-Komet.

Ob sich für unsre Erde

Noch mal Kometen

Sichtbar machen könnten --

In Frackform?








Delirium! Delirium! Ein Dékadencebild


Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,

Und die Nächte siegen über alle Sonnen.

Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse

An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.

Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!

Ist die alte Rinde »wirklich« noch so hart?

Alles geht zu Ende - auch der dickste Kopf

Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!

Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?

Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,

Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.






Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,

Wird mein ganzes Wesen wieder weich.

Und ich möchte weinend niedersinken --

Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.






Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?

Ich stopfe den Mond

In meine Riesenkanone.

Rixráx, was willst du?

Ich schieße den Mond

Wie eine Riesensaubohne

Hinaus in die ewige Nacht;

Das hat noch keiner gemacht.

Rixráx was willst du?

Was? Du willst eine Sonnenkanone

Und eine Milchstraßenkrone?

Brüderchen, geh doch nach Haus!

Sei friedlich und schlaf dich aus!

Alter Sonnenbruder!






Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,

Nie mit deinen Kameraden --

Sonst wird dir der schönste Suff

Leider überall nur schaden.






Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!

Über dem dunkelgrünen Myrtentor

Thront ein dicker roter Mond. --

Ob es später wohl noch lohnt,

Wenn man auf dem Monde wohnt?

Über dem dunkelgrünen Myrtentor?

Wär's nicht möglich, daß uns drüben

»Längre« Seligkeiten küßten?

Wenn wir das genauer wüßten!

Hier ist alles zu schnell aus.

Jeder lebt in Saus und Braus.

Wem das schließlich nicht gefällt,

Hält die ganze große Welt

Auch bloß für ein Narrenhaus!

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!

Alter Mond, ich lach dich aus!

Doch du machst dir nichts daraus!







Lass es mich durch die Blume sagen, war wohl 
Scheerbart's Devise!
Und seien Sie sicher: Er war ein Genie!